Den Anarchismus neu denken – David Graebers ausgewählte Schriften im UNRAST-Verlag

Von David Graeber: Fragmente einer anarchistischen Anthropologie & Einen Westen hat es nie gegeben, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Werner Petermann, mit einem Vorwort von Ayça Çubukçu, Münster: UNRAST-Verlag, 2022, 204 Seiten, ISBN: 978-3-89771-193-8, 16,00 € / Ders.: Gesellschaftstheorie als Wissenschaft und Utopie, aus dem aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Werner Petermann, Münster: UNRAST-Verlag, 2026, 108 Seiten, ISBN: 978-3-89771-662-9, 12,80 €.

„Vermutlich haben Sie schon mal irgendwo gehört, was Anarchisten angeblich sind und glauben. Vermutlich ist alles, was Sie gehört haben, Blödsinn. Denn viele denken, Anarchisten seien für Gewalt, Chaos und Zerstörung und gegen jede Form von Ordnung und Organisation, oder sie seien durchgeknallte Nihilisten, die alles in die Luft jagen wollen. Weit gefehlt. Anarchisten glauben schlichtweg, dass Menschen zu einem guten Umgang miteinander finden können, ohne dass man sie dazu zwingen müsste. Eigentlich eine ganz einfache Idee. Doch die Reichen und Mächtigen halten sie seit jeher für extrem gefährlich.“(David Graeber, 2009)1

David R. Graeber (1961-2020) zählt zu jenen seltenen libertären Denkern, die die Theorie und Praxis des Anarchismus nicht gegeneinander ausspielen, sondern in eine produktive Wechselbeziehung bringen. Als Anthropologe analysierte David Graeber Machtverhältnisse mit wissenschaftlicher Schärfe; als Anarchist engagierte er sich ab 1999 im „Direct Action Network“ aktiv in sozialen Bewegungen. Er beteiligte sich 2002 in New York an den Protesten gegen das Weltwirtschaftsforum, wurde 2011 zu einem Vordenker der Occupy-Bewegung und schrieb systemkritische Bücher, die zu weltweiten Bestsellern wurden.

Bereits seine frühen Aufsätze, die der UNRAST-Verlag nun auf Deutsch in zwei einzeln erschienenen Bänden zugänglich gemacht hat, machen deutlich, worum es Graeber geht. Anarchie ist für ihn kein fernes Ideal, sondern etwas, das längst in Ansätzen in unserem Alltag existiert, in gelebten Praktiken jenseits von Hierarchie und Staat. Als „Anti-Avantgardist“ misstraute Graeber theoretischen Eliten und richtete seinen anthropologisch geschärften Blick auf konkrete Formen solidarischer Zusammenarbeit, die belegen, dass Menschen sich sehr wohl auch ohne Zwang und Herrschaft zu organisieren vermögen.

Seine Stärke liegt darin, scheinbar Selbstverständliches infrage zu stellen: Warum gilt Demokratie als „westliche Erfindung“? Warum halten wir Staat und Kapital für alternativlos? Warum glauben wir, dass Menschen ohne Hierarchien im Chaos versinken? Mit fundierten anthropologischen Belegen entlarvt Graeber diese Annahmen als ideologische Konstruktionen und zeigt, dass gelebte Herrschaftsfreiheit kein Traum, sondern eine historisch bewährte Praxis sozialer Organisation ist.

Fragmente einer anarchistischen Anthropologie

Der erste Band der hier vorgestellten ausgewählten Schriften David Graebers erschien 2022 unter dem Titel Fragmente einer anarchistischen Anthropologie & Einen Westen hat es nie gegeben. In seinem dort veröffentlichten Essay Fragmente einer anarchistischen Anthropologie grenzt sich David Graeber bewusst vom institutionalisierten Marxismus und seiner etatistischen Politikkonzeption ab. Er will keine große Theorie, keine Schule, keine Avantgarde, die vorgibt, wie Befreiung auszusehen hat. Stattdessen verschiebt er den Fokus weg von abstrakter Strategie hin zur sozialen Praxis. Dass anarchistische Strömungen sich eher nach Praktiken (wie Anarchosyndikalismus, Anarchokommunismus usw.) als nach Denkern benennen, ist seiner Ansicht nach kein Zufall: „Marxistische Schulen haben ihre Urheber. So wie der Marxismus dem Marx’schen Denken entsprang, so haben wir auch Leninismus, Maoismus, Trotzkismus, Gramscianerinnen, Althusserianerinnen . . .“ (S. 20).

Anarchismus ist für Graeber kein abgeschlossenes Lehrgebäude, sondern er versteht ihn als eine ethische und praktische Orientierung, als die Zurückweisung von Zwang und Herrschaft im alltäglichen Zusammenleben. Hier gewinnt die Anthropologie für ihn zentrale Bedeutung, denn sie liefert das empirische Gegengewicht zur verbreiteten Annahme, Hierarchie, Staat und Konkurrenz seien unvermeidlich. Der Blick auf die Vielfalt menschlicher Gesellschaften zeigt das Gegenteil: Kooperation, gegenseitige Hilfe und die bewusste Begrenzung von Macht sind historisch weit verbreitet. Geschenkökonomien funktionierten ohne Profitlogik, viele Gesellschaften verhinderten aktiv die Konzentration von Macht, und konsensbasierte Entscheidungsformen waren keineswegs die Ausnahme.

Wenn Menschen über lange Zeiträume hinweg anders gelebt haben, weniger hierarchisch und weniger von Zwang bestimmt, dann ist das Argument hinfällig, dass unsere gegenwärtigen Verhältnisse alternativlos seien. Der Anarchismus erscheint dann nicht als utopische Projektion, sondern als Rückgriff auf reale, immer wieder erprobte Möglichkeiten.

Entsprechend versteht Graeber auch Revolution nicht als fernes Ereignis oder einmaligen Umsturz, sondern als etwas, das im Hier und Jetzt beginnt – nämlich überall dort, wo Menschen kollektiv handeln, um Herrschaft zurückzuweisen und ihre Beziehungen herrschaftsfrei neu zu gestalten. Jede selbstverwaltete Struktur, jede solidarische Praxis ist in diesem Sinne bereits ein Stück gelebter Anarchie. Die Frage ist nicht, ob eine herrschaftsfreie Gesellschaft möglich ist, sondern warum wir so oft der Meinung sind, dass sie erst noch erfunden werden müsse.

Einen Westen hat es nie gegeben

In seinem Aufsatz Einen Westen hat es nie gegeben – oder: Die Demokratie erwächst aus den Zwischenräumen hinterfragt Graeber eines der hartnäckigsten Narrative der westlichen Ideengeschichte: die Vorstellung, Demokratie sei eine Erfindung des Westens mit ihrem Ursprung im antiken Athen. Doch demokratische Praktiken entstehen nicht an einem bestimmten Ort, um sich von dort aus zu verbreiten, sie entstehen überall, so Graeber, wo Menschen ohne systematische Zwangsstrukturen ihr Zusammenleben organisieren:

„Wie Anthropolog*innen wissen, hat in der Tat so gut wie jede bekannte menschliche Gemeinschaft, die Gruppenentscheidungen treffen muss, das, was ich ‚Konsensfindungsprozess‘ nenne, in irgendeiner Weise praktiziert – jede, . . . die nicht in der einen oder anderen Form sich auf die Tradition des alten Griechenlands beruft.“ (S. 104)

Konsensbasierte, egalitäre Entscheidungsformen sind also historisch betrachtet kein Sonderfall, sondern eher die Regel. Was wir hingegen heute gemeinhin als „westliche Demokratie“ bezeichnen, das Mehrheitsprinzip mit formalisierten Abstimmungsverfahren, ist für Graeber eine historisch spezifische und keineswegs selbstverständliche Umsetzungsform des „Konsensfindungsprozesses“. Er zeigt, dass die Mehrheitsdemokratie ursprünglich vor allem eine militärische Einrichtung war, die sich von dem viel älteren und verbreiteteren Prinzip der Konsensfindung grundlegend unterscheidet. Die Behauptung westlicher Herkunft demokratischer Ideen erscheint in diesem Licht als nachträgliche ideologische Konstruktion. Der „Westen“ als Ursprung der Demokratie ist für Graeber ein Mythos, und mit ihm die Vorstellung, emanzipatorische Politik müsse sich an diesem spezifischen Modell orientieren.

Gesellschaftstheorie als Wissenschaft und Utopie

Bewusst lässt Graeber die Frage offen, wie eine in der Praxis tragfähige anarchistische Gesellschaftstheorie eigentlich aussehen könnte. Was macht Herrschaft so hartnäckig? Warum scheitern Revolutionen? Und wie entstehen gelebte anarchische Alternativen? Genau an diesem Punkt setzt der zweite Band der ausgewählten Schriften David Graebers an, der im Frühjahr 2026 unter dem Titel Gesellschaftstheorie als Wissenschaft und Utopie erschienen ist. Während Graeber im ersten Band stark anthropologisch argumentiert, rückt er nun die konkrete Umsetzung gelebter Anarchie in den Fokus und fragt: Wie können wir heute, jenseits von Staat und Kapital, frei von Herrschaft und Ausbeutung leben?

Seinen einleitenden Beitrag Warum eröffnet Graeber mit einer persönlichen Reflexion darüber, wie er zum Anarchisten wurde. Dabei wird deutlich, dass sich sein Anarchismus nicht nur aus Büchern speist, sondern auch auf praktischen Erfahrungen beruht – etwa auf der Arbeiterselbstverwaltung im Spanischen Bürgerkrieg (in dem sein Vater als Kommunist in den Internationalen Brigaden kämpfte) oder auf seiner anthropologischen Feldforschung in Madagaskar, wo er erlebte, dass gesellschaftliches Leben auch ohne funktionierenden Staat stabil blieb. Diese Erfahrungen überzeugten Graeber davon, dass sich die meisten Menschen eine freie, solidarische Gesellschaft wünschen würden – sie glauben nur nicht an ihre Möglichkeit. Denn was uns als „Realität“ erscheint, ist oft historisch gemacht und ideologisch abgesichert.

In Gesellschaftstheorie als Wissenschaft und Utopie, dem zentralen Essay des Bandes, zeigt Graeber, dass die Sozialwissenschaft nicht im politischen Vakuum entstand, sondern als Reaktion auf das Scheitern revolutionärer Umbrüche, besonders der Französischen Revolution. Denker wie Saint-Simon und Comte griffen, im Anschluss an reaktionäre Kritiker der Revolution (wie Burke oder de Maistre), die Idee auf, dass es hartnäckige soziale Strukturen gibt, die sich durch bloße Gesetze nicht verändern lassen.

So wurde Soziologie zum Studium dessen, was gesellschaftliche Veränderung blockiert oder pervertiert. Emanzipatorische Gesellschaftstheorie ist jedoch ohne utopischen Horizont nicht denkbar, denn die Frage, was ist, lässt sich nie vollständig trennen von der Frage, was sein könnte. Erst der Versuch, die Welt zu verändern, macht die widerständige „soziale Realität“ für die empirische Untersuchung sichtbar. Wer den Anspruch erhebt, die Gesellschaft rein objektiv zu analysieren, verkennt, dass bereits das Theoretisieren eine Form politischer Aktion ist. Vermeintliche Neutralität führt dazu, soziale Zwänge als externe „soziale Fakten“ zu naturalisieren, was letztlich der Stabilisierung des Status quo dient.

Scharf kritisiert er in diesem Zusammenhang die Vertreter:innen der Postmoderne, die er als „intellektuelle Handlanger des globalen Neoliberalismus“ (S. 25) bezeichnet. Seine Kritik richtet sich dabei nicht gegen bestimmte Denker:innen, zumal sich nur wenige Wissenschaftler:innen selbst als „Postmodernist:innen“ bezeichnen. Stattdessen zeigt Graeber, dass beide Denkweisen im Kern auf dasselbe hinauslaufen: Die postmoderne Erzählung, nach der gemeinsames Handeln unmöglich sei und politischer Widerstand sich auf „subversive Identitäten“ oder „kreativen Konsum“ beschränken müsse, wirkt für ihn genauso lähmend wie die neoliberale Behauptung, es gebe keine Alternative zum Markt. Indem beide Denkweisen die Möglichkeit einer bewussten, kollektiven Weltveränderung ablehnen, machen sie laut Graeber „den Weg frei für die verdeckte Wiedereinführung der herrschenden Tagesideologie“. Dem setzt er eine andere Perspektive entgegen:

„Wir könnten den Anfang machen mit einer Art Soziologie von Mikro-Utopias, einem Gegenstück zur parallelen Typologie von Formen der Entfremdung, entfremdeter und nicht entfremdeter Handlungsweisen. Sobald wir aufhören, uns darauf zu versteifen, alles Handeln nur hinsichtlich seiner Funktion für die Reproduktion größerer, totaler Formen ungleicher Machtverhältnisse zu betrachten, werden wir auch erkennen können, dass wir ringsum von anarchistischen Sozialverhältnissen und nicht entfremdeten Handlungsweisen umgeben sind. Und das ist entscheidend, denn es zeigt, dass der Anarchismus jetzt schon eine der Hauptgrundlagen menschlicher Interaktion ist – und schon immer gewesen ist. Wir organisieren uns andauernd selbst und leisten ständig gegenseitige Hilfe. Und das war schon immer so.“ (S. 92 f.)

Theorie soll dabei Werkzeug sein, kein Dogma. Die Anthropologie wird zur Ressource, die belegt, dass Menschen sich anders organisieren können. Entscheidend ist die Praxis: In selbstverwalteten Projekten, basisdemokratischen Bewegungen oder alltäglicher Kooperation zeigt sich, dass eine andere Welt nicht erst entworfen werden muss – sie existiert bereits in Ansätzen.

Die eigentümliche Idee des Konsums

Graebers Kritik am Konsumbegriff zielt in dieselbe Richtung. Wer das Verhältnis zur Welt als „Verbrauch“ definiert, reduziert sich selbst auf den Status eines isolierten Konsumenten. Dabei besteht menschliches Leben aus Beziehungen, Tätigkeiten und gemeinsamer Sinnproduktion. Eine emanzipatorische Politik beginnt deshalb nicht in abstrakten Debatten, sondern in der bewussten Veränderung dieser Praxis.

Am Begriff „Konsum“ selbst zeigt Graeber, wie tief kapitalistische Denkweisen in unsere Wahrnehmung eingesickert sind. Ursprünglich bedeutete das lateinische Wort consumere „aufbrauchen“ oder „zerstören“. Erst mit der aufkommenden politischen Ökonomie des 18. Jahrhunderts wurde daraus ein scheinbar neutraler Begriff für alltägliche Tätigkeiten, eine semantische Verschiebung, die nicht harmlos ist. Sie prägt, wie wir uns selbst verstehen: als isolierte Individuen, die Dinge verbrauchen, statt als soziale Wesen, die Beziehungen gestalten, Bedeutungen schaffen und gemeinsam handeln. In dieser Logik erscheint unser Verhältnis zur Welt vor allem als eines des Besitzens. Bedürfnisse werden in Kaufakte überführt, Begehren wird zur Nachfrage. Dass darin eine Verarmung liegt, wird besonders deutlich im historischen Kontrast: So galt es im Liebesideal des Mittelalters geradezu als krankhaft, das Begehrte besitzen zu wollen – was heute zur Norm geworden ist.

Graeber verbindet diese Kritik mit einem zweiten, nicht weniger wichtigen Punkt: Auch unsere Vorstellung von Arbeit ist historisch geprägt, nicht natürlich. Die Fixierung auf Produktivität, auf ständiges Leisten und Verbrauchen, hat ihre Wurzeln im religiösen Arbeitsethos, nicht in einem universellen menschlichen Bedürfnis. Viele Gesellschaften organisieren Arbeit grundlegend anders, indem man nur so viel arbeitet, wie nötig ist, um die eigenen Bedürfnisse zu decken.

Beide Bereiche, sowohl die Welt des Konsums als auch die Welt der Arbeit, sind eng miteinander verbunden. Eine Gesellschaft, die uns als Konsumenten denkt, braucht uns auch als ständig produktive Arbeitskräfte. Sie formt sogar unsere Wünsche entsprechend um. Das Ergebnis ist eine merkwürdige Entfremdung: von dem, was wir wirklich brauchen, von dem, was wir begehren könnten, und letztlich voneinander, indem wir uns gegenseitig fremd werden.

Die Anarchie beginnt im Hier und Jetzt

Graebers anthropologische Analysen, seine Kritik an politischen und ökonomischen Grundannahmen sowie seine Überlegungen zu Konsum und Arbeit sowie zu Theorie und Praxis verfolgen eine gemeinsame Stoßrichtung: Sie machen sichtbar, dass viele als selbstverständlich geltende Vorstellungen historisch entstanden und damit prinzipiell veränderbar sind. Zugleich rückt Graeber konsequent konkrete soziale Praktiken in den Mittelpunkt, in denen sich bereits Ansätze nicht-hierarchischer Formen des Zusammenlebens beobachten lassen. Sein Anarchismusverständnis, so wie es in seinen ausgewählten Schriften zum Ausdruck kommt, lässt sich in folgenden drei eng miteinander verknüpften Einsichten verdichten:

  1. Herrschaft ist kein Naturgesetz. Graebers anthropologische Arbeiten zeigen, dass Menschen über weite Strecken ihrer Geschichte ohne feste Hierarchien in konsensbasierten, oft erstaunlich stabilen Formen des Zusammenlebens gelebt haben. Die Vorstellung, gesellschaftliche Ordnung erfordere notwendigerweise Staat, Zwang und Unterordnung, erweist sich damit weniger als Realität denn als Ideologie zur Absicherung bestehender Machtverhältnisse.
  2. Soziale Revolution ist kein fernes Ereignis, sondern ein Prozess, der im Hier und Jetzt beginnt. Graebers Konzept der präfigurativen Politik besagt: Die Art, wie wir heute handeln, kann nicht vom Ziel getrennt werden, auf das wir hinarbeiten. Wer eine herrschaftsfreie Gesellschaft will, muss anfangen, sie in den eigenen Praktiken vorwegzunehmen – in kollektiven Formen der Entscheidungsfindung, in solidarischen Ökonomien, in autonomen Räumen. In indigenen Bewegungen, selbstverwalteten Betrieben oder basisdemokratischen Initiativen zeigt sich, dass herrschaftsfreie Alternativen nicht erst erdacht werden müssen, sondern bereits praktisch erprobt werden.
  3. Theorie hat nur dann einen Wert, wenn sie praktisch nutzbar ist. Graeber schreibt nicht, um sich als Theoretiker zu profilieren, sondern um sozialen Bewegungen Werkzeuge gegen die allgegenwärtigen Narrative zu geben, es gebe keine gesellschaftliche Alternative zu Staat und Hierarchie.

Daraus ergibt sich ein neuer, pragmatisch gedachter Anarchismus, der weder auf den großen Umsturz wartet, noch sich in abstrakten Debatten erschöpft. Er ist eine Einladung zum anarchistischen Experiment, eine Aufforderung, im Kleinen anzufangen und dabei das Große mitzudenken. Nicht die perfekte Gesellschaft steht am Anfang, sondern die konkrete Frage: Was können wir heute anders machen? Ob eine bessere Welt möglich ist, wissen wir nicht – aber, dass sie unmöglich ist, wissen wir ebenso wenig. Wir sollten wenigstens versuchen, es herauszufinden: nicht irgendwann und irgendwo, sondern hier und jetzt.

Jochen Schmück

Anmerkungen

1 David Graeber: Sind Sie Anarchist? Machen Sie den Test – die Antwort könnte Sie überraschen!, in: Oya – anders denken, anders leben, Themenschwerpunkt: Entscheidungskunst. Wege aus der Demokratie, Nr. 22 (2013), (online).

Quelle: espero Nr. 13, Juli 2026, S. 196-204.