Herausgegeben von Markus Henning und Jochen Schmück. Potsdam: Libertad Verlag, Juli 2026, ca. 240 Seiten, E-Zine (PDF). ISSN (Online): 2700-1598; Open Access (Kostenloser Download ab dem 15.06.2026).

ca. 240 Seiten.
Editorial
Vom 14. bis 17. Mai 2026 fand in Mannheim die 8. Anarchistische Buchmesse statt. Unser Dank gilt der Anarchistischen Gruppe Mannheim sowie den mit ihr befreundeten Menschen, die die Veranstaltung gemeinsam vorbereitet und hervorragend organisiert haben. Ihrem Engagement war auch ein umfangreiches Begleitprogramm zu verdanken, in dessen Rahmen wir am 15. Mai 2026 unser Zeitschriftenprojekt espero im direkten Austausch mit Interessierten vor Ort einmal live präsentieren konnten.
Um einen möglichst offenen Diskursraum zu schaffen, hatten wir uns für das Format einer moderierten Podiumsdiskussion entschieden. Unter dem übergreifenden Thema des aktuellen Zustands und möglicher Zukunftsperspektiven der anarchistischen Bewegung stellten Redaktion und Autor:innen ausgewählte Beiträge aus unserer jüngsten Winterausgabe (espero #12) vor.
Trotz der Dringlichkeit und des Ernstes der globalen Lage war der anschließende Austausch mit dem Publikum geprägt von gegenseitiger Wertschätzung, Dialogbereitschaft und Aufgeschlossenheit. Auch im übrigen Messebetrieb erlebten wir ein generationsübergreifendes Zusammenwirken, das Zuversicht im Hinblick auf eine längst überfällige Erneuerung des Anarchismus vermittelt.
Zu einer solchen Erneuerung möchte auch espero Nr. 13, unsere aktuelle Sommerausgabe, anregen. Die Mischung aus undogmatisch-libertären Analysen, engagierten Debatten und inspirierenden Visionen zielt auf eine Anarchie, die sich im Alltag entfaltet, indem sie Beziehungen gestaltet, Bedeutung stiftet und gemeinsames Handeln anstößt.
Eröffnet wird die Ausgabe mit einem Gast-Essay von Tomás Ibáñez, in dem der libertäre spanische Philosoph dazu auffordert, den Anarchismus als ein Werkzeug zu begreifen, das die Welt „anarchisiert“, ohne den traditionellen Dogmen des klassischen Anarchismus zu folgen, denn: „Letztlich geht es darum, die Welt zu anarchisieren, und nicht darum, den Sieg des Anarchismus sicherzustellen“.
Die Beiträge des von Christian Siefkes als Gastherausgeber betreuten Themenschwerpunktes Die Klimakatastrophe aus libertärer Perspektive machen deutlich, dass wir die Klimakrise nicht länger als bloßes „Managementproblem“ des Staates abtun können. So analysiert Siefkes selbst in seinem Beitrag die unerbittliche Logik des kapitalistischen Wachstums und macht klar, dass ein System, das auf permanenter exponentieller Vermehrung basiert, auf einem endlichen Planeten zwangsläufig an seine Grenzen stoßen muss. Doch im Scheitern des Alten erkennt auch er einen Funken der Hoffnung: Wenn das Alte zusammenbricht, eröffnen sich – wenn auch unter sehr schwierigen Bedingungen – Möglichkeiten, etwas Neues und hoffentlich Besseres aufbauen und durchsetzen zu können.
Jörg Bergstedt betont, dass Umweltzerstörung eng mit Machtverhältnissen verbunden ist, und warnt davor, Staat und NGOs als Lösungen zu überschätzen. Er argumentiert, dass echter Klimaschutz nur durch grundlegende Kritik und Veränderung von Herrschaftsstrukturen möglich wird.
Mit Blick auf den drohenden Klimakollaps kritisiert Nicolas Guenot den Glauben an großtechnologische Heilsversprechen und fordert stattdessen eine Umorientierung auf überschaubare und gemeinschaftlich kontrollierbare Technikformen nach „menschlichem Maß“.
Auch Christfried Lenz sieht in dezentraler Technik und erneuerbaren Energien Chancen für mehr Unabhängigkeit und Freiheit.
Der eher unter seinem Pseudonym P. M. bekannte Schweizer Autor Hans Widmer plädiert für neue gemeinschaftliche Lebensweisen, die weniger Ressourcen verbrauchen, aber dennoch attraktiv sein können.
Zum Abschluss des Themenschwerpunktes betont Annette Schlemm in ihrem Beitrag, dass wir handlungsfähig bleiben müssen, auch wenn die Situation düster ist. Dabei ist sie aber nicht ohne Zuversicht, da „Menschen gerade unter extremen Bedingungen oft kooperativ, fürsorglich und selbstorganisiert handeln.“ Es kommt darauf an, schon jetzt die solidarischen Strukturen aufzubauen, die uns dann im Ernstfall auch tragen.
Die Frage, wie sich in einer zunehmend katastrophischen Welt Herrschaft und Hierarchie zurückweisen lassen, treibt auch die weiteren Beiträge von espero Nr. 13 um. So zeigt Siegbert Wolf, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte dafür unverzichtbar ist und als lebendige Inspiration für eine gegenwärtige anarchistische Praxis dienen kann. Er versteht historische Rückblicke als Orientierung und Ermutigung, Alternativen zur bestehenden Ordnung zu denken.
Jochen Schmück fordert in seinem Beitrag eine Abkehr von den starren Dogmen des traditionellen Old-School-Anarchismus. Für ihn entsteht ein „neuer Anarchismus“ nicht durch große politische Umbrüche, sondern durch die Praxis einer gelebten Anarchie, die im gewöhnlichen Alltag der Menschen zum Tragen kommt.
Stephan Krall schließlich ergänzt diese Perspektive um eine psychologische Dimension und fragt, warum Menschen oft an bestehenden Verhältnissen festhalten. Wirkliche Freiheit ist seiner Auffassung nach erst dann möglich, wenn auch die inneren Muster von Unterordnung erkannt und überwunden werden.
In der Gesamtschau rufen die Beiträge der neuen espero-Sommerausgabe dazu auf, den Anarchismus als offenen Prozess zu verstehen, der sich im praktischen anarchistischen Handeln immer wieder neu erfindet.
Abgerundet wird diese Ausgabe durch Buchempfehlungen zu aktuellen Neuerscheinungen. Auch sie stehen auf je eigene Art für die Einsicht, dass eine humane und selbstbestimmte Zukunft nur durch den mentalen Gehalt der Hoffnung und durch unser gemeinsames Handeln in der Welt entstehen kann.
Wir wünschen unseren Leser:innen eine anregende Lektüre!
Die espero-Redaktion.
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Editorial [7]
DER GAST-ESSAY
Tomás Ibáñez: Der unauflösbare und dennoch fruchtbare Widerspruch im Anarchismus [11]
THEMENSCHWERPUNKT: DIE KLIMAKATASTROPHE AUS LIBERTÄRER PERSPEKTIVE [19]
Christian Siefkes: Klima im Kollaps – libertäre Perspektiven auf die Katastrophe. Einleitung des Gastherausgebers [21]
Christian Siefkes: Linkslibertäre Perspektiven im Angesicht des Kollaps [25]
- Das Wachstum und seine Grenzen [25]
- Frühe Debatten um Grenzen und Overshoot [26]
- Kollaps als Verlust von Komplexität [29]
- Die große Beschleunigung – über die Grenzen des Planeten hinaus [33]
- Die drohende Heißzeit und ihre Konsequenzen [36]
- Kollapsologie und solidarisches Preppen [41]
- Der Fluch des Goliath [45]
- Könnten die Technik oder das Weltall Auswege bieten? [48]
- Was, wenn der Kollaps kommt? [51]
- Linkslibertäre Perspektiven im und trotz des Kollaps [54]
- Quellenverzeichnis [62]
Jörg Bergstedt: Macht macht Klima kaputt [65]
- Über den Zusammenhang von Herrschaft und Klimawandel [65]
- Stets nah an der Macht: Die Geschichte des Umweltschutzes [69]
- Klimaschutz von oben [75]
- Die Alternative: Emanzipatorischer Umwelt- und Klimaschutz [77]
- Auf dem Weg … Strategien für Umwelt- und Klimaschutz [85]
- Fazit [88]
- Literaturliste [90]
Nicolas Guenot: Technologische Vorstellungswelten im Zeitalter des Kollapses [93]
- Technik und die Politik des Kollapses [93]
- Der Fortschritt und die Illusion der Zukunft [96]
- Die Natur und die Illusion der Vergangenheit [100]
- Konvivialität und Low-Tech Vorstellungswelten [104]
- Literatur [110]
Christfried Lenz: Klimawandel – Energiewende – Zeitenwende [113]
- Warum gibt es eigentlich die Technik? [113]
- Verhältnis der Technik zur Natur [114]
- Technischer Fortschritt schlägt um in Destruktion [116]
- Klimawandel treibt Energiewende hervor [118]
- Emanzipatorische Prozesse [120]
- Vereinigung von „Erzeugen“ und „bloßem Tun“ [121]
- Die „Strategie“ [122]
- Literatur [122]
- Der Elefant im Raum … [125]
- Lektürevorschläge [131]
Hans Widmer (P. M.): Der Elefant im Raum … [125]
- Lektürevorschläge [131]
Annette Schlemm: Gegenseitige Hilfe im Zeitalter des Kollapses [133]
- Am Ende der Hoffnungen? [133]
- Anarchistisch im Kollaps [135]
- Was heißt anarchistisch orientierte Katastrophenhilfe? [140]
- Literatur [142]
BEITRÄGE ZU WEITEREN THEMEN
Siegbert Wolf: „Wir sollen das Recht aller und das Unrecht aller gewahren“ – Gustav Landauer und die Französische Revolution von 1789 [147]
- Quellen [167]
- Siglen [167]
Jochen Schmück: Der Weg entsteht beim Gehen: Von der Wiederentdeckung der Anarchie im Anarchismus [173]
- Vom Dogma zur Bewegung: Der nicht-fundationale Anarchismus [174]
- Theorie trifft Alltag: Die Synthese aus Offenheit und Pragmatismus [176]
- Das Beispiel Minneapolis: Wo radikale Nachbarschaftshilfe den Leviathan entmachtet [178]
- Vom theoretisierten Anarchismus zur gelebten Anarchie [183]
- Literatur [185]
Stephan Krall: Ist Anarchismus naiv? – Gedanken nach Siegbert Wolfs „Weckruf“ [187]
BUCHEMPFEHLUNGEN
- Jochen Schmück: Den Anarchismus neu denken – David Graebers ausgewählte Schriften im UNRAST-Verlag [198]
- Henning Schuhmann: Von „außerirdischen“ Aktivist:innen und ihren Raumschiffen [207]
- Jochen Knobllauch: „Nur die Luft wird bald knapp“ – Anarchistische Lyrik und/oder anarchistische Lyriker [210]
Die Autor:innen dieser Ausgabe [218]
. . . folgt demnächst