Monte Verità – Der Rausch der Freiheit, Spielfilm, Schweiz

Deutschland / Österreich 2021, 116 Min., Regie: Stefan Jäger, Hauptdarsteller/innen: Maresi Riegner (die fiktive Hanna Leitner), Max Hubacher (Otto Gross), Hannah Herzsprung (Lotte Hattemer), Julia Jentsch (Ida Hofmann), Joel Basman (Hermann Hesse). Trailer, z. B. unter: dailymotion.com (online).

Eine Filmkritik

Es ist das Jahr 1906. Die 29-jährige fiktive Hanna Leitner lebt gehoben-bürgerlich mit ihrem Mann, einem bekannten Porträtfotografen, in Wien. Sie hat bereits zwei kleine Mädchen, wird aber von ihrem Mann sexuell genötigt, der unbedingt noch einen Sohn zeugen möchte. Da sie unter Ohnmachtsanfällen leidet, ist sie bei dem Arzt und Psychoanalytiker Otto Gross in Behandlung. Als dieser, um von seiner Drogensucht loszukommen, in die Aussteiger-Kolonie des Monte Verità in Ascona fährt, folgt sie ihm heimlich dorthin nach einer weiteren brutalen sexuellen Entgleisung ihres Mannes.

Hanna wird von Ida Hofmann, einer der Gründerinnen der Kolonie, freundlich aufgenommen, wehrt sich trotzdem anfangs gegen die Freiheit auf dem Berg und die alternative Lebensweise. Sie ist aber auch angezogen davon und beginnt, eine eigenständige Identität als emanzipierte Frau zu entwickeln. Dabei hilft ihr auch Otto Gross, der sie weiter therapiert.

Sie war bereits in Wien von der Fotografie fasziniert, die sie durch ihren Mann kennengelernt hatte, ihr wurde sie aber verboten. Auf dem Monte Verità kann sie dieser Leidenschaft nachgehen und macht zahlreiche Fotos von der Kolonie, vor allem von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern. Ihre Beziehung zu Otto Gross wird immer intimer und endet im Bett, wo sie offenbar erstmals lustvollen Sex erfährt. Tief enttäuscht ist sie, als Gross ihr klarmacht, dass er keine Beziehung will und die Sexualität eher als Teil der Therapie sieht. Aus heutiger Sicht ist Gross’ Verhalten nicht mehr nachvollziehbar und ein Tabu für Therapeut/innen. Damals gab es nicht wenige solcher Beziehungen. Vermutlich gibt es sie aber auch noch heutzutage.

Parallel entwickelt Hanna eine enge Bindung zu der skurrilen Lotte Hattemer, einer weiteren Gründerin der Kolonie auf dem Monte Verità, die am Ende des Films mit Gift, das ihr Otto Gross gegeben hat, Selbstmord begeht. Hanna trifft auch noch auf den jungen Hermann Hesse, der offenbar erste Gedanken zu seinem Buch Siddhartha entwickelt. Er war um 1907 auf dem Berg und hat darüber auch einen kleinen autobiografischen Text geschrieben. Er lief sehr gerne nackt herum, was Hanna zunehmend weniger irritierte, weil Nudismus zu der Kolonie gehörte.

Die Haupthandlung des Films mit Hanna Leitner ist rein fiktiv. Der Hintergrund ist, dass man bis heute nicht weiß, wer die zahlreichen Fotos gemacht hat, die vom Monte Verità existieren, und deshalb diese Figur als die Schöpferin der Fotos erfunden hat. Nicht fiktiv sind die weiteren Personen und ihr Schicksal.

Am Ende des Films kommt Hannas Mann mit den Töchtern nach Ascona, um sie zurückzuholen. Es sieht erst danach aus, dass sie darauf eingeht, aber dann sieht man sie kurz vor der geplanten gemeinsamen Abreise auf ein Schiff auf dem Lago Maggiore steigen, das nach Italien ablegt (Ascona und der Monte Verità liegen in der Schweiz). Im Gepäck eine Kamera. Ihr Mann fährt enttäuscht mit den beiden Töchtern ohne sie zurück.

Auch wenn der Film von der Kritik eher mittelmäßig bewertet wird, war er für mich interessant und spannend. Einer der Gründe ist, dass ich selbst kürzlich den Monte Verità besucht und vorher schon einiges über die Aussteigerkolonie gelesen habe. Das machte den Film und seine handelnden Personen für mich sehr lebendig, da diese nah der Realität dargestellt wurden, zumindest war das mein Eindruck.

Der geschichtliche Hintergrund ist, dass im Jahr 1900 die Kolonie auf dem Berg bei Ascona, eher ein Hügel von 322 Metern Höhe, von Henri Oedenkoven (1875-1935), seiner Frau Ida Hofmann (1864-1926), mit der er in freier Ehe lebte, Lotte Hattemer (1876-1906) und den Brüdern Karl (1875-1916) und Gusto Gräser (1879-1958) gegründet wurde. Henri Oedenkoven, der das Geld hatte, um Grundstücke auf dem Hügel zu kaufen, taucht nur am Ende des Films auf, er war auf Reisen zur Geldakquise. Die Brüder Karl und Gusto Gräser tauchen nicht auf.

Otto Gross (1877-1920) war 1906 zum Drogenentzug im Sanatorium auf dem Monte Verità, dessen Haupthaus 1904 fertiggestellt wurde. Dieses existiert heute nicht mehr, an seiner Stelle steht ein Hotel. Aber das alte Gebäude wurde auf einer Wiese für den Film originalgetreu nachgebaut. Der Film spielt in Teilen an den Originalschauplätzen. Neben dem Haupthaus bestand das Sanatorium aus Licht-Luft-Hütten, von denen heute noch zwei stehen, die auch im Film vorkommen und von einigen der handelnden Personen bewohnt werden.

Erich Mühsam (1878-1934), der mehrfach auf dem Monte Verità war, wohnte nicht dort, sondern in einem gemieteten Zimmer in Ascona. Seine Erfahrungen hat er in der ironischen Broschüre Ascona 1906 festgehalten. Er taucht im Film nur indirekt auf, indem sein spöttisches Gedicht über die Vegetarier auf dem Berg, das aus dieser Broschüre stammt, im Speisesaal des Sanatoriums zur Erheiterung der Gäste vorgetragen wird. Daraus entsteht die Idee einer Fotoausstellung, um zu zeigen, wie es dort oben wirklich ist. Diese Ausstellung wird später mit den realen Bildern der fiktiven Hanna realisiert. Der Monte Verità war tatsächlich eine streng vegetarische Kolonie, zu Beginn sogar vegan. Das war nichts für Mühsam, und auch einige andere Besucher und Gäste hatten wohl auf Dauer damit Probleme, was im Film kurz anklingt.

Für mich interessant war vor allem die Figur von Otto Gross. Er war ein österreichischer Mediziner, Psychiater, Psychoanalytiker und Revolutionär, der immer wieder Kontakt mit Anarchisten hatte, vor allem in München und Berlin, und sich auch publizistisch betätigte. Vermutlich hat er sich selbst als Anarchisten gesehen, zumindest wird er von anderen so bezeichnet. Er war einer der frühen und zu der Zeit wenigen Psychiater, der sich für die Lehre von Sigmund Freud einsetzte, dann aber in Misskredit fiel. Auf dem 1. Psychoanalytischen Kongress 1908 in Salzburg wollte er über die gesellschaftlichen Konsequenzen aus Freuds Lehre sprechen, wurde aber von Freud gemaßregelt, weil dieser meinte und ihm sagte, dass dies nicht die Aufgabe von Ärzten sei. Otto Gross wurde aus der Psychoanalyse gedrängt und aus den Annalen getilgt. Einen ähnlich gelagerten Fall gab es in der Psychoanalyse nur noch einmal: den Ausschluss Wilhelm Reichs 1934.

Zu Lebzeiten hatte Gross in deutschsprachigen Ländern eine intensive Rezeption, die sich auf seine medizinischen und psychiatrischen Schriften und sein gesellschaftspolitisches Engagement bezog. Freud erkannte zwar an, dass Otto Gross neben C. G. Jung (1875-1961) einer der wenigen innovativen Denker war, allerdings störte ihn das, da er neben sich ungern weitere innovative Menschen auf seinem Gebiet duldete. Nach seinem Tode geriet Gross jedoch in Vergessenheit, nicht zuletzt durch die Verdammung durch Sigmund Freud. Erst ein halbes Jahrhundert später traf man per Zufall wieder auf ihn als genialen Arzt und Anarchisten. Im Mainstream ist er allerdings bis heute nicht angekommen.

Im Film wird Gross als sensibler, einfühlsamer Arzt und Analytiker von Max Hubacher dargestellt, der maßgeblich dazu beiträgt, dass sich Hanna als selbstbewusste Frau entwickelt und am Ende des Films ihr eigenständiges Leben als Fotografin beginnt. Die andere Seite von Gross ist, dass er Lotte Hattemer auf ihren Wunsch Gift gab, mit dem sie sich umbrachte, was im Film dargestellt wird. In der Realität geschieht dies aber nicht in der Kolonie auf dem Monte Verità, sondern in ihrem Haus südlich von Ascona. Sie hatte sich schon früh von der Kolonie getrennt. Erich Mühsam beschreibt sie in seiner Broschüre Ascona als die „originellste Persönlichkeit von den Asconeser Ansiedlern“. Bei ihrem Tod war wohl nicht, wie im Film, Hanna dabei, sondern Johannes Nohl (1882-1963), der Freund und zeitweilige Lebenspartner von Erich Mühsam, der mit ihm in Ascona war. Lotte wird von Hannah Herzsprung in dem Film in einer Weise verkörpert, die den Beschreibungen von Mühsam sehr nahekommt.

Otto Gross bekam wegen des Selbstmords von Lotte und weiterer späterer Selbstmorde oder Selbstmordversuche in Berlin, mit denen er in Verbindung gebracht wurde, große Probleme. Unter anderem deshalb wurde er, veranlasst durch seinen Vater, einem namhaften Kriminologen, in die Psychiatrie, die damals noch Irrenhaus hieß, eingewiesen. Durch eine große Medienkampagne und sein eigenes Engagement kam er aber wieder frei.

Auf mich hat die Darstellung des Sanatoriums mit dem Haupthaus und seinen Bewohnern und Gästen im Film sehr realistisch gewirkt und mir eine gute Vorstellung gegeben, wie es damals gewesen sein könnte. Aber klar wird in dem Film auch, dass es sich nicht, wie manche vielleicht annehmen, um eine anarchistische Lebensgemeinschaft oder Kolonie handelte, auch wenn sich im Laufe der Jahre viele Anarchisten auf dem Berg einfanden. Es war eine streng vegetarische Kolonie von vorwiegend Einzelgängerinnen und Einzelgängern, was sich auch darin zeigt, dass sich viele, wie Lotte, eigene Grundstücke suchten oder sogar von der Kolonie ausgeschlossen wurden oder diese verließen, wie Gusto Gräser. Auch sein Bruder Karl hatte sich schon 1901 mit den anderen zerstritten und suchte seinen eigenen Weg und ein Grundstück, allerdings ganz in der Nähe der Kolonie.

Auch wenn das freiheitliche Experiment Anarchisten anzog, hielten Mühsam und auch Gustav Landauer (1870-1919), die ähnliche Gedanken von Gemeinschaften hatten, dieses Experiment für nicht zielführend und ungeeignet, da es ihnen zu individualistisch war.

Ich fand den Film spannend, besonders die Person von Otto Gross. Ich bin nach dem Film seiner Biografie intensiv nachgegangen und habe herausgefunden, dass es sogar einen Spielfilm über ihn gibt, den ich mir noch anschauen werde.

Kann ich diesen Film empfehlen? Auf jeden Fall für diejenigen, denen der Monte Verità bereits ein Begriff ist, aber im Grunde auch für diejenigen, die noch nichts davon gehört haben. Vielleicht lädt er dazu ein, sich mit dieser frühen Aussteigerkolonie zu beschäftigen, z. B. durch das noch erhältliche, 2017 bei DVA in München erschienene Buch von Stefan Bollmann: Monte Verità – 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt, das ich seinerzeit sehr spannend fand. Den Film wird man vermutlich nur mit Glück in den Kinos finden, aber man kann ihn im Internet ausleihen, z. B. über Magenta TV, oder kaufen. Die Ausleihe kostet, je nachdem, wo man ihn ausleiht, 2,99 oder 3,99 Euro.

Stephan Krall

Quelle: espero Nr. 12, Januar 2026, S. 347-351.