Toxische Weiblichkeit

Von Sophia Fritz. 1. Aufl., München: Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, 2024, Hardcover, ISBN 978-3-446-27915-5, 189 S., 22,00 €.

Buchkritik

Männer*, die Frauen* die Welt erklären; Männer*, die sich in der Tram breit machen; Männer*, die Frauen* sexistische Sprüche hinterherrufen; Männer*, die Frauen* unter den Rock filmen; die objektivierende, auf eine männlich-heterosexuelle Zuschauerschaft ausgerichtete Darstellung von Frauen* z. B. in Filmen1 – all das ist patriarchal oder auch toxisch männliches Verhalten, für das es Sprache gibt: Mansplaining, Manspreading, Catcalling, Upskirting, der Male Gaze.

Von misogynen Abwehrreaktionen abgesehen – wie: ‚Frauen* würden doch auch ungefragt Dinge erklären‘ –, die die sozialen und patriarchalen Strukturen dahinter verleugnen, fehlt ein solches Wortrepertoire allerdings für Frauen* bzw. weiblich geprägte Menschen, die durch ihr gesellschaftlich erlerntes Verhalten auch dazu beitragen, das patriarchale System aufrechtzuerhalten.

In ihrem Buch Toxische Weiblichkeit versucht Sophia Fritz genau solch eine Sprache zu finden, indem sie sich die misogynen Fremdbezeichnungen des guten Mädchens, der Powerfrau, der Mutti, des Opfers und der Bitch aneignet und diese in je einem Kapitel erklärt, kritisiert und dekonstruiert.

Dabei betont sie gleich zu Beginn ihres Buches, dass toxisch weibliches Verhalten nicht auf dieselbe Ebene mit toxisch männlichem Verhalten zu stellen sei, sondern durch letzteres überhaupt erst bedingt ist. Toxische Weiblichkeit stellt ein Coping-Mechanismus dar, eine notwendige Anpassung, um im patriarchalen System zu überleben (vgl. S. 15). Gleichzeitig verhelfen die erlernten, stereotyp weiblichen Strategien diesem aber auch dabei, bestehen zu bleiben:

Wenn ich einen Manspreader nicht für sein raum-einnehmendes Verhalten kritisiere, dann tue ich das nicht bloß aus Feigheit, sondern weil ich gelernt habe, gut und nett zu sein, nicht aufzufallen und (Männern*) gefallen zu sollen (und weil ich mir denke, er könnte das doch selbst merken. Nur wie denn, wenn ihm das nie gesagt wird? Im Schwimmbad letztens, hat ein älterer Mensch, den ich als männlich gelesen habe, beim Rückenschwimmen kein einziges Mal vor der nächsten Bahn innegehalten, um zu überprüfen, ob sie auch wirklich frei ist, stattdessen musste immer ich ihm ausweichen. Doch es hat erst einen anderen Mann* gebraucht, der mit ihm zusammengestoßen ist, um ihn auf sein Verhalten aufmerksam zu machen).

Wenn ich mich selbst klein und zum Opfer mache, dann tue ich das, weil ich gelernt habe, Dinge zu bekommen, wenn ich mich nur hilfsbedürftig verhalte (wie ich, auch letztens erst, als sich eine Person auf ‚meinen‘ Platz gesetzt hat, mit bemitleidenswerter Stimme, sie für ihr Versehen beschämte, anstatt einfach selbstsicher zu sagen, dass ich hier gern sitzen will).

Und wenn ich meinen Partner bemuttere, weil ich so sozialisiert wurde, dass es meine Aufgabe ist, für die lohnarbeitenden Männer* zu sorgen, dann tue ich das (unbewusst), um das patriarchale System zu stützen.

In Bezug auf das gute Mädchen schreibt Sophia Fritz beispielsweise:

„Ich brauche die Niedlichkeit als Camouflage, die Höflichkeit als Schild, die Dankbarkeit als Bürde. Meine Konditionierung als gutes Mädchen verbietet mir laut oder wütend zu werden, verspielt, frech, stolz oder bestimmend. Sie verbietet mir, die Scheiße beim Namen zu nennen, ohne sie mit vollstem Verständnis und ganz ohne Umstände in wohlriechende Watte zu packen“ (S. 26), und über emotionale Übergriffigkeit: „So wie ein Mann mir ungefragt die Tür aufhält, will ich ihm ungefragt dabei helfen, sich besser zu verstehen“ (S. 62).

In Bezug auf das Opfer schreibt Sophia Fritz, anstatt sich wütend oder ehrlich verletzlich zu zeigen, davon,

„‚Unterwürfigkeit [zu] instrumentalisieren’. Ob Heilige oder selbstloses Opfer: In beiden Rollen verfolgen Frauen stereotypisch weibliche Strategien, um Konfliktsituationen für sich zu entscheiden. Die darunterliegenden Emotionen, Grenzverletzungen und Traumata werden dabei nicht zutage gefördert“ (S. 116).

Und in Bezug auf die Mutti setzt Sophia Fritz dem Male Gaze den Mom’s Gaze gegenüber.

„Ich glaube, dass Frauen Männer genauso zum Objekt machen, aber dass sie dabei die genau gegenteilige Strategie anwenden: Sie sprechen ihrem männlichen Gegenüber seine Sexualität ab, machen ihn ‚ungefährlich‘, zeigen ihm seine Unzulänglichkeiten auf, begegnen ihm mit Mitleid, wissen, was das Beste für ihn ist, bemuttern ihn. Er ist das Objekt, das von ihnen gerettet werden muss: I can fix him“ (S. 109 f.).

In den nach diesen Bezeichnungen gegliederten Kapiteln vermischt Sophia Fritz meiner Meinung nach aber leider stark unterschiedliche, gleichermaßen wichtige Aspekte, um über toxische Weiblichkeit sprechen zu können, die es als Leser*in erst selbst zu entzerren bedarf:

  • Erstens eigenes toxisch weibliches Verhalten zu reflektieren, zu kritisieren und dafür Verantwortung zu übernehmen,
  • zweitens dieses nicht als individuelles Verhalten zu betrachten, sondern als Teil weiblicher Prägung und als ein gesamtgesellschaftliches Problem,
  • drittens andere Frauen* für deren toxische Weiblichkeit nicht abzuwerten (um sich selbst dadurch aufzuwerten), sondern sich mit ihnen zu solidarisieren,
  • und viertens für die positiven Aspekte weiblicher Prägung zu empowern und sie von den negativen Mustern toxischer Weiblichkeit abzulösen. D. h. bestimmte Verhaltensweisen, wenn nicht sich selbst oder anderen Frauen* damit schadend, auch als „Ressource“ (S. 16) zu betrachten (wie z. B. Empathie zu üben, ohne damit lediglich [erneut insbesondere Männern*] gefallen zu wollen [als das gute Mädchen], sich ohne Schamgefühl sexuell auszuleben [als die Bitch)] oder mithilfe der Opferrolle Täterschaft klar aufzuzeigen)

Darüber hinaus fehlt eine übergreifende Interpretation toxischer Weiblichkeit, stattdessen bleibt Sophia Fritz an den misogynen Fremdbezeichnungen haften und verliert sich in für mich häufig leeren Unterkapitel-Titeln (wie zum Beispiel im Kapitel die Mutti in den Unterkapiteln einsame Mütter, geben und geben, sweet revenge und satte Mütter).

Damit hängt zusammen, dass das Buch nur die Lebensrealität einer bestimmten Gruppe, Schicht bzw. Klasse von Frau* behandelt, nämlich jener, der die Autorin selbst angehörig ist – westeuropäisch, privilegiert und weiß –, wenn diese hauptsächlich über persönliche Erfahrungen in (intimen) Beziehungen schreibt. Das ist okay und auch gut, weil nahbar und selbstkritisch (etwas, für das das Buch ja auch appelliert), aber nicht genug transparent gemacht für ein Buch, das gerade durch seinen Titel eine umfassendere und sachlichere Analyse toxischer Weiblichkeit ausstrahlt.

Insgesamt betrachtet, schafft es Sophia Fritz in ihrem Buch nicht, Toxische Weiblichkeit vollumfänglich zu erklären, aber sie hat Aufmerksamkeit geschaffen für ein, selbst im feministischen Diskurs noch unterbelichtetes Phänomen.

Und vielleicht ist es sogar gut, dass sie nicht mehr tut, als erste Impulse zu setzen. Denn letztlich liegt es in unserer Verantwortung, als Männer*, als queere Menschen, vor allem aber als Frauen* und weiblich geprägte Menschen ihre Impulse weiterzudenken, weiterzutragen und in den Diskurs zu bringen.

Lena Rothwinkler

Anmerkungen

1 Plakativ verwende ich hier die Bezeichnungen Frau und Mann, das * soll auf die soziale Konstruiertheit dieser Zuschreibungen hinweisen und diese nicht etwa als ‚natürliche‘ Kategorien betrachten; vgl. Sternchen hinter Frau* oder Mann*, rise-jugendkultur.de (online). Wie auch die Autorin anmerkt, ist jedoch weniger entscheidend, ob sich Menschen als Frau oder Mann bzw. als queer identifizieren, als viel mehr, ob sie im Laufe ihrer Sozialisation weiblich oder männlich geprägt wurden und werden (ein Prozess, der zudem nicht immer eindimensional verläuft, wie z. B. die Erfahrung von Trans*-Menschen zeigt). „Wenn ich von toxischer Männlichkeit oder toxischer Weiblichkeit spreche, dann meine ich mit Männlichkeit oder Weiblichkeit nicht Männer oder Frauen. Sowohl Männer als auch Frauen als auch nicht-binäre Menschen können toxisch männliche und toxisch weibliche Anteile in sich tragen“ (Sophia Fritz: Toxische Weiblichkeit, 1. Aufl., München: Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, 2024, S. 20).

Quelle: espero Nr. 12, Januar 2026, S. 343-346.