Von Bernd Kramer. (= Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 2), hrsg. v. Jochen Knoblauch, Berlin: QUIQUEG Verlag, 2025, Paperback, ISBN: 978-3945874-21-9, 240 Seiten, 20,00€.
Karin Kramer Verlag: Archiv des Neoanarchismus
Wer über den neueren deutschsprachigen Anarchismus forscht, wird an den beiden Bänden der Gesammelten Schriften von Bernd Kramer und an den Persönlichkeiten Karin und Bernd Kramer mit ihrem Karin Kramer Verlag nicht vorbeikommen.

„Das, was den Verlag so einzigartig machte (und auch die Persönlichkeit Bernd Kramers verdammt gut widerspiegelt), war, die Vielfalt anarchistischen Denkens aufzuzeigen und sich dabei keiner Strömung gemein zu machen, sondern diese Vielfalt auch als einen Schatz zu leben […].“1
Dies bedeutete und ist nichts weniger als ein Aufruf zur inneranarchistischen Toleranz. Denn im Anarchismus gibt es keine korrekte politische Linie wie in einer kommunistischen Kaderpartei.
Das Erscheinen des zweiten Bandes der Gesammelten Schriften Bernd Kramers2 wurde schon sehnsüchtig erwartet, nachdem dies schon für Ende 2024 angekündigt worden war. Der nahezu unüberschaubare schriftliche Nachlass, verbunden mit einer teilweise recht unklaren Quellenlage, erforderte ein hohes Maß an Personen- und Sachkenntnis sowie eine an detektivische Kreativität erinnernde Hartnäckigkeit. Eine Aufgabe, die der Herausgeber Jochen Knoblauch mit Bravour gelöst hat! Ein herzlicher Dank gilt ihm dafür!
Bernd Kramer war einer der für die anarchistische Szene nicht seltenen Autodidakten. Begonnen damit, dass Bernd das erste proletarische SDS-Mitglied werden wollte. Der hatte den Sozialismus als Bewegung der Arbeiterklasse seinerzeit so ernst genommen, dass seine Aufnahme in diesen akademischen Klüngel (Sozialistischer Deutscher Studentenbund – SDS) nicht abgelehnt werden konnte! Auch waren seine Statements im Laufe seines politischen Lebens oft nicht gerade politisch korrekt. Er ist dafür von moralinsauren Polit- und Szenespießern oft genug angefeindet worden. Dabei haben Karin und Bernd (mit ihrem Sohn) zeitlebens durch ihr Engagement für den Verlag in sozial prekären Verhältnissen leben müssen, wohingegen von den „Kritiker:innen“ viele auf Dauer in die Pantoffelbequemlichkeit bürgerlichen Familien-Biedermeiers abgetaucht sind.
Dieser zweite Band, eine Sammlung von literarischen und politischen Texten, Erinnerungen und Zwischenrufen, u. a. erschienen in Zeitschriften wie Sklaven, Abwärts!, DreckSack und Gegner, rundet das Bild eines authentischen politischen Zeitgenossen und wichtigen libertären Verlegers ab. Verbunden mit seiner ihn und den Verlag tragenden Partnerin Karin, wird es solch eine, die libertäre Bewegung tragende Institution wohl nie wieder geben. Zusätzlich enthält der Band die vorläufige Bibliographie von Bernd Kramer, inklusive seiner Pseudonyme „Robert Halbach“ und „F. Amilié“.
Beide Bände: Eine unbedingte Leseempfehlung!
Rolf Raasch
Anmerkungen:
1 Hermann Jan Ooster: Ein Zwischenruf statt eines Vorwortes, in: Bernd Kramer: Nicht mit uns und schon gar nicht mit mir! (= Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 2), hrsg. v. Jochen Knoblauch, Berlin: QUIQUEG Verlag, 2025, S. 7 f., hier: S. 8.
2 Zum Vorgängerband siehe auch die Rezension von Rolf Raasch: Gläubige ohne Gott, Helden ohne Pathos – Der erste Band der Gesammelten Schriften von Bernd Kramer, in espero. Libertäre Zeitschrift (Neue Folge), Potsdam: Libertad Verlag, Nr. 9 / 10, Dezember 2024, S. 495-505 (online | PDF).
Quelle: espero Nr. 12, Januar 2026, S. 341-342.