Von Franz Heuholz, mit Beiträgen von Genoss:innen, Moers: Syndikat-A, 2025, ISBN 978-3-949036-17-0, 358 S., 14,90 € [überarb. Neuaufl. ist für Sommer 2026 geplant].
Von „außerirdischen“ Aktivist:innen und ihren Raumschiffen
Ausgangs- und Bezugspunkt von Lieber leben wir als Außerirdische, herausgegeben von Franz Heuholz, sind zwei Entwicklungen der letzten zehn Jahre: Zum einen fand innerhalb der außerparlamentarischen Linken eine Diskussion über „Neue Klassenpolitik“ und „Basisorganisierung“ statt. Ein Resultat daraus ist die vermehrte Gründung von linken Stadtteilorganisationen. Aber auch von Antifa- und Klimabewegung bis zur Linkspartei gab und gibt es Versuche, sich wieder mehr auf soziale Kämpfe zu beziehen, z. B. durch die Unterstützung von Arbeits- und Mietenkämpfen. Zum anderen ist in diesem Zeitraum auch die Freie Arbeiter:innen-Union (FAU) als anarchosyndikalistische Gewerkschaft in Deutschland stark gewachsen und hat ihre Erfahrungen mit Basisorganisierung und dem Führen von Arbeitskämpfen ausbauen können.

Bisher gab es aber kaum Veröffentlichungen und Beiträge, die einen kritischen Blick auf den Alltag der neuen und alten Basisaktivist:innen und ihrer Organisationen werfen. Auch Debatten zu Herausforderungen innerhalb der FAU wurden bisher kaum veröffentlicht. Denn ganz so rosig ist das Bild nicht, wie es manchmal gezeichnet wird. Denn neben diesen beiden Bezugspunkten gibt es eine persönliche „Bruchlandung“ (S. 21), die den Autor „zum Überdenken [seines] Basisaktivismus“ (S. 21) bewegt hat, und mit der das Buch beginnt: Der Versuch, als Student und in erster Linie ideell überzeugter Gewerkschaftsaktivist als „Salt“ eine FAU-Betriebsgruppe bei einem Lieferdienst zu unterstützen. „Salts“ sind Gewerkschaftsaktivist:innen, die von außen als Arbeiter:innen in einem Betrieb anfangen, um eine Organisierungskampagne der Gewerkschaft zu unterstützen. Die Motivation und Situation von Salts und der „Basis“ im Betrieb unterscheiden sich meist stark, wie auch in diesem Fall:
„Ich und die drei anderen Salts hatten entweder unser Studium noch nicht oder erst vor Kurzem abgeschlossen. Wir befanden uns in einer spezifischen Lebensphase innerhalb der privilegierten Ränge des Bildungssystems“ (S. 22).
Heuholz selbst bezeichnet sich in der Nachbetrachtung als „Salting-Tourist“ (S. 24), dessen „wild entschlossener“ (S. 24) Gewerkschaftsaktivismus sich durch eine politische Motivation statt durch eigene Betroffenheit speiste und letztendlich die Trennung zwischen Gewerkschaftsaktivist:innen und tatsächlich Betroffenen in der Betriebsgruppe verstärkte.
Ausgehend von der kritischen Reflexion über die Rolle als Salt beschreibt Heuholz den generellen Umstand einer Spaltung zwischen „außerirdischen“ Aktivist:innen und den tatsächlich Betroffenen in linksradikalen Basisorganisationen wie der FAU. Jene „Außerirdischen“ haben oft einen akademischen Hintergrund und sind es gewohnt, andere zu verwalten und zu koordinieren. Dadurch nehmen diese oftmals führende Rollen in Basisorganisationen ein und prägen sie. Aus einer Basisorganisation für soziale Kämpfe wird somit ein „Raumschiff“ für die „außerirdischen“ Aktivist:innen.
Neben den „außerirdischen“ Aktivist:innen werden im Buch zwei weitere Personengruppen innerhalb von Basisorganisationen identifiziert: Widerständige, die sich gegen greifbare Missstände, aber nicht aus ideologischer Überzeugung organisieren, und Militante, die sich längerfristig und aus Überzeugung, z. B. in einer FAU-Betriebsgruppe, organisieren. Der Fokus der Organisation sollte in den Ortsverbänden der FAU, den sogenannten Syndikaten, von den Aktivist:innen auf die Militanten verschoben werden:
„Die Militanten und ihr Aktivsein sollten oberste Priorität, maximale Unterstützung sowie politische Deutungshoheit im Syndikat bekommen. Das Syndikat würde so wirklich größtenteils auf die Funktion einer Infrastruktur für Militante zurückfallen und gleichzeitig ausgebaut werden. In einem so reformierten Syndikat würden Ressourcen von Aktivist:innen neu verteilt und hauptsächlich dafür eingesetzt werden, Militanten Rückendeckung zu geben. Zugleich würde das bedeuten, das Syndikat mehr als Organisation der Klasse zu formen“ (S. 261).
Der Autor schlägt somit vor, die Rolle von Aktivist:innen auf die Unterstützung der Militanten und ihrer Strukturen zu beschränken und ihr Stimmrecht zu beschränken. Letzteres ist sicherlich eine kontroverse Idee, gegen die es wohl viele Widerstände geben würde. Daneben werden aber auch weniger kontroverse Vorschläge gemacht, wie der Aufbau von FAU-Betriebszellen als Alternative zu Betriebsgruppen, insbesondere in Betrieben, in denen es bereits verankerte Strukturen und Tarifverträge der DGB-Gewerkschaften gibt, oder die Integration von „widerständigen Komitees“ – Gruppen, die sich „auf Grundlage geteilter Alltagsprobleme“ (S. 269), z. B. in einem Betrieb oder Mietshaus, zusammenschließen und die Ressourcen und Strukturen der FAU nutzen können, ohne Mitglied in der FAU zu werden.
Insgesamt liefert das Buch Grundlagen und Denkanstöße für die Auseinandersetzung mit der persönlichen Rolle als auch für mögliche Umstrukturierungen von Organisationen. Ich möchte hier auch den Vorschlag hervorheben, die persönliche Berufswahl und Lebensplanung (wieder) stärker kollektiv in den Strukturen zu diskutieren. Denn die Aktivist:innen selbst müssen daran arbeiten, Widerständige in Bezug auf ihr eigenes Leben zu werden:
„[…] der Dreh- und Angelpunkt des Politischen sollte für uns als Anarchist:innen eben nicht sein, uns irgendwie in irgendwelche sozialen Kämpfe einzumischen, sondern uns kämpferisch und prinzipienbasiert in unseren eigenen Alltag einzumischen“ (S. 129).
Wer fertige Lösungen für die Herausforderungen von Basisorganisierung sucht, wird sie auch in diesem Buch nicht finden. Für alle, die (aktivistische) Mitglieder in Basisgewerkschaften oder anderen Basisorganisationen sind, und die bereit sind, ihre eigene Rolle in diesen kritisch zu hinterfragen, ist Lieber leben wir als Außerirdische aber eine Pflichtlektüre.
Quelle: espero Nr. 13, Juli 2026, S. 205-207.