Von Egon Günther, Coesfeld: Elsinor Verlag, 2025 (= Edition Zugvögel; 4), hrsg. von Jörg W. Rademacher, ISBN 978-3-911704-03-8, 152 S., mit zahlr. S/W-Abb., 22,00 €.
„Nur die Luft wird bald knapp“ – Anarchistische Lyrik und/oder anarchistische Lyriker

Diese Diskussion ist auch schon Jahrzehnte alt: Gibt es eine anarchistische Lyrik? Oder: Was ist anarchistische Literatur? Diese Frage werde ich hier wohl so nicht beantworten können, und ich glaube fast, dass sie schlichtweg nicht beantwortbar ist. Es gibt Literatur/Lyrik, die sich mit anarchistischen Themen beschäftigt (und schnell in Propaganda abrutschen kann – was per se erst Mal nichts Negatives sein muss). Oder es gibt Anarchist*innen, die Literatur/Lyrik schreiben, aber ihre Überzeugung hier nicht explizit in den Vordergrund stellen. Erich Mühsam und John Henry Mackay wären zwei Schriftsteller/Lyriker, die auf beiden Seiten dieser Medaille tätig waren.
An dieser Stelle möchte ich mich exemplarisch mal mit dem bayerischen „Gebirgsanarchisten“ Egon Günther beschäftigen, der auf unterschiedliche Art und Weise seine Kunst produziert, wenngleich er sich selber wohl eher nicht als Anarchist bezeichnen würde, aber immer wieder anarchistische Themen, Denkweisen und Protagonist*innen zitiert. Die anarchistische Idee zieht sich durch die gesamte Arbeit von Günther, aber eben nicht im Sinne einer Propaganda, sondern eher in einer Beiläufigkeit, die mich an Herbert Achternbusch erinnert, der mal sinngemäß meinte, dass es in Bayern wohl 80% CSU-Wähler*innen (in den 1980ern war das noch so), aber es eben 90% Anarchisten gäbe.
Egon Günther (Jahrgang 1953) ist – nach meinem Dafürhalten – ein recht introvertierter Allround-Künstler. Er ist Romanautor, Lyriker, Liedtexter, Maler, Autobiograph, Übersetzer und Herausgeber. Ein Wort- und Bildgewaltiger, der die Kraft der Poesie in seiner gesamten Arbeit kraftvoll ausbreiten kann.
Mit dem neuen Gedichtband Birken-Rinden-Schriften. Gedichte & Piktogramme erscheint jetzt eine Art „Best of“-Band mit Gedichten und Liedtexten aus den Jahren von 1989 bis 2025, der von Dr. Jörg W. Rademacher herausgegeben wurde, bestückt mit figürlichen Ausschnitten (Piktogrammen), die sich wunderbar in die sorgfältig layouteten Texte – die hier mitunter auch in Übersetzungen abgedruckt sind – einfügen und diese ergänzen. Dazu kommt eine Bibliographie, ein Glossar (von „Anarchisten“ bis „Zeit“) und eine kleine Geschichte, wie Autor und Herausgeber zusammenkamen.
Für Egon Günther war es hoffentlich ein schönes Ergebnis, sich mal zurücklehnen zu können, und jemand macht die Arbeit, wo sonst doch Günther immer derjenige war, der vieles selber machen musste, der verschiedene Künstler*innen zusammenbrachte.
Es ist schwer, aus der Fülle an lyrischen Schwergewichten hier einiges zu präsentieren, aber eines möchte ich hier doch erwähnen mit dem Titel Was suchst du Ruhe: „in memoriam lutz schulenburg / beklage nicht / die umstände / trag sorge / die zustände / zu ändern …“
Auf jeden Fall ist Egon Günther eine Entdeckung wert, und ich wünsche ihm und seinem Buch eine zahlreiche Leser*innenschaft.
Ein Gedicht heißt Von allem zuviel – nur nicht von der Kunst des Egon Günther.3,99 Euro.
Jochen Knoblauch
Quelle: espero Nr. 13, Juli 2026, S. 208 f.